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Redaktion: im Wechsel betreut vom Team RB.


16. März 2017

Guy Krneta   (Basel)

Autor

Die unheimlichen Investoren

Martin Wagner wollte die «Blick»-Gruppe kaufen. Und drohte mit einer Gratis-Sonntagszeitung. Wagner ist kein Unbekannter.

Für 230 Millionen Franken wollte der Basler Wirtschaftsanwalt Martin Wagner im Auftrag einer Investorengruppe die gesamte «Blick»-Gruppe kaufen. Dies machte die «NZZ am Sonntag» bekannt. Als Hauptinvestor wurde der frühere SVP-Nationalrat und Autoimporteur Walter Frey genannt. Dieser dementierte umgehend, er habe «weder direkt noch indirekt» bei Ringier ein entsprechendes Angebot deponiert. Und verlangte von der «NZZ am Sonntag» eine «Richtigstellung». Dabei verriet ihn schon das Wording: Christoph Blocher wollte jahrelang «weder direkt noch indirekt» an der «Basler Zeitung» beteiligt sein.

Am Anfang stand Martin Wagner

Sowohl Ringier wie Martin Wagner haben das Angebot mittlerweile bestätigt. Seine Geldgeber hätten keine politischen, sondern kommerzielle Absichten verfolgt, richtete Martin Wagner der Zeitung «Schweiz am Wochenende» aus. Dabei hatte Martin Wagner auch bei den politischen Umpolungen von «Weltwoche» und BaZ zu rechts-ideologischen Kampfblättern am Anfang gestanden.

Beim Verkauf der Jean-Frey-Gruppe wandte sich der BaZ- und spätere «Weltwoche»-Anwalt Wagner an den Banker und heutigen SVP-Nationalrat Thomas Matter. Dieser holte Tito Tettamanti und weitere Investoren ins Boot. Beim Verkauf der BaZ wiederum gelangte Wagner direkt an Tettamanti und Banker Matter besorgte die diskrete Finanzabwicklung im Auftrag Christoph Blochers.

Bei der Jean-Frey-Gruppe war das Bubenstück gelungen, gleichzeitig Investoren mit satten Gewinnen zu befriedigen, die «Weltwoche» politisch umzupolen und sie schliesslich für einen Bruchteil des ursprünglichen Preises an Roger Köppel zu verhökern. Ob und wann Blocher ins Spiel kam, bleibt bis heute im Dunkeln. Ein damaliger Akteur meinte einst lapidar im Gespräch, Blocher sei in alle Medien- und Bankengeschäfte involviert. Das lasse sich gar nicht vermeiden.

Wagner schert aus

Bei der BaZ hingegen verfolgte Martin Wagner auf einmal eine eigene Agenda. Er gab den Herausgeber und plante, zusammen mit seinem Geschäftspartner Bernhard Burgener, ein «multimediales Konzept». Neben «Printabdeckung» und Bereichen wie «Sportmarketing» und «Eventmarketing» sollte es «Buchpublikationen» (Ratgeberliteratur) und «Social gaming» geben.

Wagner verpflichtete zwei Co-Chefredaktoren, von denen er annehmen konnte, dass Christoph Blocher im Hintergrund sie nicht akzeptieren würde. Er suchte, scheint es, bewusst den Bruch. Tettamanti und Blocher installierten daraufhin Markus Somm, der mit seiner schnörkellosen Propagandaschreibe viele Leserinnen und Leser sogleich vor den Kopf stiess und Wagners «multimediale» Pläne vereitelte.

Wagner sprang ab, er profilierte sich kurz als Nationalratskandidat der FDP Baselland, nannte Blocher «Gift für die Schweiz», kritisierte dessen Führungsprinzipien als «menschenverachtend», bezeichnete die SVP als «demokratiefeindlich» und «naive Schweizer Tea-Party-Fans». Er erzielte ein miserables Wahlresultat an der Urne und kehrte daraufhin klammheimlich als Anwalt zur BaZ zurück.

Ein nächster Anlauf?

Beim geplanten «Blick»-Deal brachten Medien auch wieder den Namen von Bernhard Burgener ins Spiel, der mittlerweile als künftiger FCB-Präsident gehandelt wird. Mit Burgener zusammen vermarktet Wagner die kommerziellen Rechte der Champions League und der Europa League. Angeblich hatte Wagner vor, den Sportteil der «Blick»-Zeitungen auszubauen, auf Kosten des Nachrichten- und Auslandteils. Er sah dabei auch die Zusammenarbeit mit anderen «Content-Herstellern wie etwa Verleger Peter Wanner» vor – und verkündete das just in Wanners «Schweiz am Wochenende». Nebelpetarden?

Weniger Mühe, Blochers Medien-Ambitionen wegzureden, jedenfalls macht sich «Weltwoche»-Kolumnist Kurt W. Zimmermann: «Den Blick, das hat Christoph Blocher nie verschwiegen, den Blick, den hätte er liebend gern. Er versuchte es erst mit offenem Visier. Dann versuchte es Blocher mit verdecktem Visier, also über Strohmänner.» Für Zimmermann ist klar, dass hinter Wagners üppiger Kaufofferte Christoph Blocher steht: «Er wollte wissen, bei welcher Grenze Ringier schwach werden würde.» Und Wagner hätte dann wieder den Spagat versucht zwischen apolitischem Sport- und Event-Publikum und seinen sendungsbewussten Investoren im Hintergrund?

Einstellen oder an Blocher verkaufen?

Der Deal ist nicht zustande gekommen, Ringier erklärte die «Blick»-Gruppe für unverkäuflich. Wie lange noch? Im Branchen-Magazin «Schweizer Journalist» – dessen Chefredaktor ebenfalls Kurt W. Zimmermann ist – wird darüber spekuliert, dass der angeblich defizitäre «Blick am Abend» vor dem Aus stehe. «L’Hebdo» wurde kürzlich eingestellt. Und die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» schrieb vor ein paar Tagen, Ringier plane auch schon wieder den Verkauf von «Le Temps».

Dagegen stimmt die Aussicht, Blocher könnte unter Benutzung der Infrastruktur von «20 Minuten» eine Gratis-Sonntagszeitung lancieren, geradezu hoffnungsfroh. Wer sollte sich den Familienausflug, die Gruppenreise, den Sonntagsbesuch, die Fahrt ins Grüne von Blocherscher Propaganda vergällen lassen? Eine solche Zeitung, bestenfalls mit einem Chefredaktor Markus Somm, hätte von Beginn weg keinerlei Glaubwürdigkeit. Es wäre ein Leichtes, sie schweizweit zu boykottieren und allfällige Inserenten anzusprechen. Nein, Neugründungen waren noch nie Blochers Stärke. Seine Strategie ist die heimliche Besetzung von eingeführten Marken und Erinnerungsorten.

 


Anmerkung der Redaktion: Guy Krneta, geboren in Bern, lebt als freier Autor in Basel. Er schreibt Theaterstücke und Spoken-Word-Texte. Eben erschienen ist eine Sammlung mit Theatertexten: "Stottern und Poltern" (Verlag der Autoren, Frankfurt M.). Der Band enthält u.a. Texte zum Theaterprojekt "In Formation", das im Dezember im Schauspielhaus Zürich zur Aufführung kam. Krneta ist Mitbegründer von Kunst+Politik und der Aktion RettetBasel!

Beitrag zur Kolumnenreihe « kontertext» auf www. infosperber.ch.



30. November 2016

Bernhard Bonjour   (Liestal)


Ein Abschiedsgruss aus den Ruinen

Nach den Basler Wahlen: Der Va-t-en-guerre auf dem Rückzug? Von grosser Wirrnis und neuen Hoffnungen bei Markus Somm

Was ist in den Basler Wahlen geschehen? Man darf feststellen: Nichts. Die Machtteilung zwischen linker Mitte (SP und Grüne) und traditioneller Rechten (Liberale, CVP, FDP) ist bestätigt worden. Fast wäre es, als Reaktion auf die wilden Kampagnen der «Basler Zeitung», noch zur Wahl einer Linken in die Regierung gekommen. Aber eben nur fast.

Was bedeutet das für den Versuch von Christoph Blocher, mit der «Basler Zeitung» die politischen Kräfteverhältnisse in Basel auf den Kopf zu stellen, indem die traditionelle Rechte auf den Kurs der radikalen Rechten (SVP) verpflichtet wird («bürgerliche Zusammenarbeit»)? Der General (oder war es doch nur ein Feldweibel?), der für diesen Feldzug abkommandiert wurde, gesteht die Niederlage unumwunden ein: Majestät, wir haben den Krieg verloren.

Entschuldigen Sie den militärischen Jargon. Er drängt sich auf, wenn man den Kommentar von Markus Somm in der BaZ liest, diesmal schon am Tag nach den Wahlen. «In diesen Stunden der Niederlage», hebt er an. Damit gesteht Somm zum ersten Mal offen ein, was er sonst immer weit von sich wies: Dass er mit der Zeitung, die ihm Blocher zur Verfügung stellte, einen politischen Auftrag zu erfüllen hatte. Der SP-Regierungsrat Hans-Peter Wessels habe «eine monatelange Kampagne der BaZ gegen sich überlebt.» Ziel war die Zerstörung Wessels, gibt Somm in ungewohnter Offenheit zu, die wohl der Bitterkeit der aktuellen Stunde geschuldet ist: Wessels sei offenbar «unzerstörbar», klagt er.

«Kampagne» heisst ursprünglich Feldzug. Der Kommentar trieft auch sonst von kriegerischem Vokabular. Man habe «der Linken» das Regierungspräsidium «entreissen» wollen und sei gescheitert, trotz «Schulterschluss» (man denkt an den Ursprung dieses Wortes: die Schlachtreihen). Die FDP sei «dezimiert» worden (hier denkt man an Karl den Grossen, der die Reihen aufständischer Heere nach deren Niederlage lichtete). Die SVP «verdurstet in der Wüste der Regierungslosen» (man denkt an den Feldzug der deutschen Kolonialtruppen gegen die Hereros, der einübte, was später vom Nationalsozialismus in Europa weitergeführt wurde). Kritisiert werden die Regierungsräte der traditionellen Rechten, er nennt sie die «jungen Schwiegersöhne aus bürgerlichem Hause», die nur «der Linken» dazu dienten, «ihre Alleinherrschaft zu bemänteln.» Somm sagt, was sie stattdessen hätten tun sollen: «Bürgerlichen Widerstand» hätten sie leisten müssen, die «liberalen Prinzipien (...) bis zum letzten Blutstropfen» verteidigen, «um dann ehrenvoll massakriert zu werden.»

Tief unten in der Seele Somms scheint etwas Unbewältigtes zu rumoren, das mit Kriegssehnsucht und militärischer Karriere zu tun hat. Es kam schon in früheren Kommentaren an die Oberfläche, etwa mit der Aufforderung an Israel, endlich Krieg zu führen gegen den Iran (BaZ 19.11.2011), mit der «Sehnsucht nach dem Kaiser» (BaZ 25.8.2012) oder mit der Behauptung, dass der Erste Weltkrieg nicht zur Katastrophe geworden wäre, wenn nur die Briten nicht gegen die Deutschen eingegriffen hätten, besser wäre es gewesen, wenn man die kaiserlichen Deutschen hätte siegen lassen (BaZ 10.5.2014). Dazu kam dann noch der Versuch einer Ehrenrettung für Hermann Göring, die Nummer Zwei des Nationalsozialismus: im Grunde sei er nicht so böse gewesen.

Die seelischen Abgründe von Somm brauchen uns aber weiter nicht zu interessieren. Spannender ist: Er bestätigt implizit die Prognose von Alfred Schlienger im «kontertext» vom 26. Oktober, dass seine Zeit in der BaZ ausgelaufen sei. Des Chefredaktors und Mitbesitzers Kommentar zu den Basler Wahlen endet mit: «Wir wünschen viel Glück.» Das tönt wie ein schon aus der Ferne gesandter Abschiedsgruss an Basel.

Auch aus der Redaktion sind vorsichtige Zeichen wahrzunehmen, dass man sich für den Wechsel vorsieht. Somm hatte seinen euphorisierten Kommentar über die Wahl Trumps mit der schamlosen Schlagzeile gekrönt «Friede den Hütten, Krieg den Palästen» (ungenau zitiert aus Büchner, ursprünglich eine Parole der französischen Revolutionstruppen – wieder eine Kriegsreferenz!), Christine Richard wagte im Kultur-Teil eine schmale Widerrede unter dem Titel «Friede den Hütten, Krieg den Trump-Towers» (BaZ 11.9.2016, nicht im Netz). Man will, wenn alles vorbei ist, sich rechtfertigen können, man habe nicht alles mitgemacht, man habe sogar widersprochen. Andere allerdings pflegen den BaZ-typischen Diffamierungs-Stil treu weiter. Alessandra Paone über die neugewählte Regierungspräsidentin: «Neben Mück wirkt Elisabeth Ackermann geradezu wie ein strahlender Weihnachtsbaum. Mit diesem Ausdruck der Glückseligkeit, der seit dem Wahlerfolg am 23. Oktober ihr Gesicht prägt, als hätte sie ihn sich tätowieren lassen, nimmt sie die Gratulationen entgegen.» (BaZ 28.11.2016)

Man kann also befriedigt feststellen: Somm hat in Basel – ausser Stillosigkeit – nichts bewirkt. Man kann sogar soweit gehen, sich zu fragen, ob die Befürchtungen bei der Übernahme der BaZ nicht übertrieben waren. Letztlich ist das Scheitern Somms aber der Widerstandskraft der Baslerinnen und Basler zu verdanken und nicht dem fehlenden Zerstörungswillen.

Man kann aber auch weiter beunruhigt sein. Nicht aus Sorge vor Somms weiterer Karriere (er scheint ein General «sans fortune» zu sein), sondern vor einer Entwicklung, die er schon spürt, auch wenn er sie nicht analytisch bewältigen kann. Die beunruhigende Wirkung der Blocher-Somm'schen Kampagne in der Basler Medienlandschaft besteht darin, das Vertrauen in die Funktion der Medien für die Gesellschaft und die Demokratie zerstört zu haben. Die zwei verschulden das nicht alleine, aber sie haben den Funktionsverlust der traditionellen Medien in der Basler Ecke weit vorangetrieben. Die traditionellen Medien werden jetzt abgelöst vom argumentationsfreien Twitter, von der über sogenannte soziale Medien weitergeleiteten Lüge. Das zerstört Demokratie.

Folgerichtig ist Somm seit der Wahl Trumps in Euphorie geraten. Aus dem erwähnten «Hütten – Paläste»-Kommentar: «Es ist eine Revolution, die vor unseren Augen stattgefunden hat – und mit Goethe, dem grossen Dichter, können wir sagen: Wir sind dabei gewesen.» (Nebenbei verrät er, und das ist sein Pech, weil er seine Artikel offenbar nicht gegenlesen lässt, was er von seinen Leserinnen und Lesern hält, wenn er meint, ihnen Goethe erklären zu müssen: der grosse Dichter.) «Die Mehrheit der Leute», meinte er damals noch, habe Trump gewählt, und zwar «der einfachen, normalen Leute». «Das Volk entscheidet, nicht die Elite. Es ist die grösste Ohrfeige aller Zeiten.» Man müsse weit zurückgehen, um Ähnliches zu finden – wobei er, der sich doch so gerne als Historiker bezeichnet, seine historische Perspektive «aller Zeiten» im Blick zurück dann doch schon bei 1989 enden lässt.

Woher diese Verwirrung und das Durcheinander aller Begriffe? Wenn Somm (wie sein Geldgeber) gegen die «Elite» schimpft, meint er damit eben nicht die Reichen, die Mächtigen und die Privilegierten, sondern er meint diejenigen, die versuchen, den Anstand zu definieren, eine Ethik in der politischen Auseinandersetzung, in der Sprache, im Journalismus aufrechtzuerhalten. Von dieser aufgeklärten Bürgerlichkeit will er nichts wissen, wenn er den bürgerlichen Schulterschluss fordert. Nicht Zivilisation ist sein Ding (pfui, Elite), sondern Krieg, Zerstörung. Es geht um einen Kulturkampf.

Aus der Entwicklung in den USA scheint er Hoffnung zu schöpfen: Endlich ist Schluss mit dem mühsamen Anspruch auf Faktentreue, Begriffsklarheit, Logik und Ehrlichkeit in der Argumentation – Schluss mit der Forderung nach Anstand. Man kann jetzt gewinnen mit blossen Sprüchen und flotter Aggressivität und ohne Anstand. Nicht dass er das mit der BaZ nicht schon lange so praktizierte. An der Wahl Trumps fasziniert ihn, dass er sich darin gerechtfertigt sieht: Der Sieger hat immer recht, und mit ihm bekommt recht, wer sich der gleichen Methoden bedient.

Stillosigkeit ist eben nicht Nebensache, sie kann Wirkung entfalten. Das ist es, was uns Somm in Basel zurücklässt. Die Leserinnen und Leser sind vertrieben, die Lust auf Zeitungslesen und das Bewusstsein, dass es sinnvoll ist, wenn die Demokratie funktionieren soll, sind weg, und das fatalerweise vor allem bei den jüngeren Generationen. Seinen Kommentar zu den Basler Wahlen überschrieb Somm mit dem surrealen Titel «In den Ruinen des bürgerlichen Basel». Ich bin nicht sicher, ob man nach Blocher-Somm aus den Ruinen der Basler Medienlandschaft wieder etwas Sinnvolles wird bauen können.

 


Anmerkung der Redaktion: Bernhard Bonjour war 1979-81 Mitglied des Redaktionskollektivs der Basler AZ, 1982-2015 Geschichtslehrer des Gymnasiums Muttenz, heute Stiftungsrat und Lehrer der Alternativschule SOL - Schule für Offenes Lernen in Liestal, Einwohnerrat für die SP Liestal, Gewerkschafter (VPOD), im Team von «RettetBasel!»

Beitrag zur Kolumnenreihe « kontertext» auf www. infosperber.ch.



26. Oktober 2016

Alfred Schlienger   (Basel)


Hassprediger im Leerlauf

Und wieder hat es nichts genützt. Seit sechs Jahren schreibt sich nun Markus Somm, Schriftleiter der Basler Zeitung von Blochers Gnaden, bereits die Finger wund, mit keinem andern ersichtlichen Ziel, als in Basel einen rechtsbürgerlichen Machtwechsel nach dem Gusto der SVP herbeizuführen – und was macht das freche Basler Stimmvolk? Es wählt auch in den jüngsten Gesamterneuerungswahlen vom vergangenen Wochenende unverdrossen linker denn je: Rekordergebnis für die SP im Parlament, Spitzenresultate für zwei ihrer drei Regierungsmitglieder, und die neue Kandidatin der Grünen ist bereits im ersten Wahlgang in die Regierung gewählt. Der SVP-Bewerber dümpelt weit abgeschlagen, und die Parlamentsvertretung der Rechtsaussen-Partei stagniert wie bisher auf dem untypisch tiefen Niveau, das Blocher so ärgert. Alles in Butter also für einen weiterhin weltoffenen Kultur- und Wirtschaftsstandort am Rheinknie?

Ganz so einfach ist es leider nicht. Die Basler Zeitung vergiftet seit sechs Jahren das öffentliche Klima der Stadt systematisch und nachhaltig. Auf die Wahlen hin beschrieben Somm und die ihm verbliebene Schrumpf-Crew trommelfeuerartig und faktenfrei Basel als eine Stadt in Trümmern, eine Hochburg der Kriminalität, der Korruption, des Chaos und der Bürokratie. Die bürgerlichen Parteien titulierte der Chefschreiber als «Angsthasen» und peitschte sie höchstpersönlich in die Schlacht: Erst «wenn es raucht und kracht, erkennt der Bürger, wie viel auf dem Spiel steht», so Somm. Welch hübsche Pointe des Kanoniers: Der Pulverdampf als Mittel zum Erkenntnisgewinn und zur Hebung der Argumentationsqualität. Und die Spitzenspürnase der BaZ, die weiterhin in Wädenswil wohnhaft ist, erschnüffelt zielsicher: «In dieser Stadt herrscht eine feine Wechselstimmung, die Linke ist – wie übrigens in ganz Europa – innerlich zerschmettert, seit sie spürt, dass sich die Realität nicht ihren ideologischen Vorlieben beugt.» Könnte man das jetzt nach den Wahlen auch andersrum lesen? Der Wunsch war Vater eines Somm’schen Fast-Gedankens.

Systematische Zersetzung demokratischer Werte

Feldweibel Somm wusste zwei Monate vor der Wahl natürlich auch, was zu tun ist: «Eine Schadensbilanz der drei sozialdemokratischen Regierungsräte ist allen Haushaltungen zuzustellen», ordnete er militärisch knapp an, ganz in der flächendeckenden Herrliberger Briefkasten-Manier. Die Portokasse seines Geldgebers hätte die Kosten mit links übernommen. Schon mal etwas gehört, Herr Somm, – und vielleicht auch verstanden? – vom Funktionieren eines Kollegialsystems?

Und weil nach der Devise der grössten Partei der Schweiz Wahlkampf nicht nur alle vier Jahre stattfindet, sondern eben tagtäglich, durfte sich die Region Basel in den letzten sechs Jahren auch auf ein permanentes Bombardement der BaZ von rechtsaussen einstellen. Es gibt kaum einen Wert der Aufklärung, der dabei nicht unter Beschuss geriet: Rationalität, Menschenwürde, Gleichberechtigung, Schutz von Minderheiten und Schwächeren, Religionsfrieden, Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Menschenrechte. Es sind diese Zersetzungsversuche fundamentaler demokratischer Werte, die wesentlich grössere Flurschäden hinterlassen als eine allfällige Verschiebung von ein paar Sitzen in Parlament oder Regierung.

Deutschschweizer Pressestimmen von ausserhalb der Region bescheinigten der BaZ hie und da, ihr aggressiver Stil sorge für eine «lebendigere Debatte». Eine solche Bilanz erscheint den meisten Dauerbeobachtern vor Ort doch eher kurzsichtig und oberflächlich. Auch hier können sechs Jahre Kampfblatt-Journalismus nicht erschöpfend bilanziert werden. Aber eines ist klar: Die BaZ hat in diesen Jahren keine einzige echte Debatte befördert, in der Argumente rational und nüchtern von verschiedenen Seiten her beleuchtet und abgewogen worden wären. Ihr Grundgestus im politisch-gesellschaftlichen Bereich ist vielmehr die reine Aufmerksamkeitsgenerierung, durch hetzerische Polemik, Skandalisierung und Empörungsbewirtschaftung. Verächtlichmachung und Verunglimpfung von Personen und Institutionen, sofern sie nicht ins eigene Förderprofil passen, das ist die scheinjournalistische Grundmethode. Ausgesprochen pfleglich und liebedienerisch geht man hingegen mit den wirklich Mächtigen in den Teppichetagen der Wirtschaft um.

Hetze gegen Ausländer – Einladung zur Folterpraxis

Wenn’s ganz unappetitlich werden soll, lässt Somm auch gerne andere Schreiber ran. So durfte etwa Redaktor Aaron Agnolazza nach der Eröffnung einer grenzüberschreitenden Tramlinie nach Deutschland hemmungslos über sozial Schwächere und Ausländer herziehen:

«Ab der Station Kleinhüningen ist das Tram mittlerweile zu jeder Tageszeit voll mit schlecht angezogenen Schnäppchenjägern, die alles über die Grenze schleppen, was nicht niet- und nagelfest ist. An einen Sitzplatz ist selbst ausserhalb der Stosszeiten schon gar nicht mehr zu denken, doch weitaus prekärer sind neben den Buggys der kinderreichen Kopftuchträgerinnen ihre bis zum Anschlag mit Hammelfleisch voll gepackten Einkaufswagen, über deren Räder man ständig zu stolpern droht. (...) Fehlen nur noch ein paar BVB-Mitarbeiter mit weissen Handschuhen, die den Schnäppchenjäger-Plebs ins Tram quetschen.

Auf Dauer tut sich das doch kein normaler Mensch an: Während man zur Arbeit will, schmatzt die vierfache Mutter im Lonsdale-Pullover ihre Fischknusperli mit Tartarsauce von Nordsee. Ihre Meute quengelt und wühlt in den grossen Aldi-Taschen – die Tiefkühlfertiggerichte darin reichen wahrscheinlich knapp für die nächsten zwei Tage» (BaZ 29.12.2014).

Wie soll man das bezeichnen, wenn nicht als hetzerisch? Gleichzeitig wettert der Chefredaktor ständig gegen die Eliten, die angeblich die kleinen Leute verachten. Liest er eigentlich sein eigenes Blatt nicht?

Wenn’s noch grundsätzlicher werden soll, darf immer mal wieder der ehemalige Textchef Eugen Sorg ran an den Menschenrechts-Speck. Als Donald Trump nach den Brüsseler Terroranschlägen in diesem Frühjahr zum wiederholten Mal seine Folter-Optionen ins Spiel brachte und verkündete, er würde «Waterboarding und vieles mehr» wieder legalisieren, denn «Folter funktioniert», sekundierte Sorg frei von Scheu und Scham:

«Weitere Anschläge islamischer Todessekten werden folgen. Spätestens nach dem sechsten oder siebten werden auch die pazifistischen europäischen Eliten ernsthaft über Trumps Brachialmethodik nachzudenken beginnen. Moral und Schönheit sind wichtig. Aber das eigene Überleben geht vor» (BaZ 29.3.2016).

Das ist Ermunterung zur Folterpraxis. So werden Menschenrechtsstandards unterminiert, Tabubrüche salonfähig gemacht. Klar, Debatten anzureissen gehört heute – nach der korrekten Informationsvermittlung und -einordnung – zu Recht zum Ehrgeiz jeder anspruchsvollen Zeitung. Soll es dabei aber keinerlei Grenzen geben? Kann alles, so schrill, primitiv und würdeverletzend es auch sei, zum «Diskurs» verklärt werden? Todesstrafe – ja bitte? Menschenrechte – nein danke? Gleichberechtigung – braucht’s das denn wirklich? Wie weit hinter die Aufklärung sollen die gesellschaftlich relevanten Diskussionen zurückgepuscht werden? Und wem soll das nützen? Dem Blocher-Biographen Somm und seinen Brotgebern geht es in erster Linie genau um diese Ausweitung der Kampfzone. Man soll wieder ungehindert auf Minderheiten und Benachteiligte eindreschen können. Das ist das Gegenteil von liberal. Man wird sich Gedanken machen müssen, wie der Begriff der Liberalität gegen die Schein-Liberalen vom Aeschenplatz zu verteidigen ist.

Sexismus als journalistischer Alltag

Eine weitere Konstante der Somm-BaZ ist ihre Frauenfeindlichkeit. Da ist immer noch ein Zwick mehr an der Geissel. Zum Rücktritt von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey schrieb Somm:

«Micheline Calmy-Rey, die am Mittwoch ihren Rücktritt als Bundesrätin auf Ende Jahr bekannt gegeben hat, hinterlässt eine Ruinenlandschaft, deren Krater und verbrannte Erde noch jahrelang zu besichtigen sein werden. Kaum ein Magistrat hat die Stellung der Schweiz in der Welt mehr untergraben, keine Aussenministerin den Ruf dieses Landes nachhaltiger erschüttert.» Sie hinterlasse, schreibt Somm, «in ihrem Feld, der Aussenpoltik, eine Spur der Zerstörung» (BaZ 8.9.2011).

Die Charakterisierungen von Eveline Widmer-Schlumpf, Simonetta Sommaruga oder der Basler Finanzdirektorin Eva Herzog fallen regelmässig ähnlich masslos überzogen und despektierlich aus. In einem ganzseitigen Interview mit der Gender-Professorin Andrea Maihofer versucht Somm hartnäckig, deren Fachgebiet lächerlich zu machen, und behauptet unter anderem dumm-dreist: «Es gibt sicher kaum männliche Geschlechterforscher, und wenn, dann sind sie homosexuell» (BaZ 14.9.2011). – Als Federica Mogherini, die Aussenbeauftragte der EU, anlässlich der Brüsseler Attentate die Tränen nicht zurückhalten kann, ist das Somm ein abgrundtief verächtliches Charakterbild über mehr als 10'000 Zeichen wert. (BaZ 26.3.2016) Für dümmliche Blödeleien und offen sexistische Ausfälligkeiten im Lokalteil hat Textchef Michael Bahnerth regelmässig freien Auslauf.

Wovor haben diese starken Männer Angst? Natürlich vor nichts. Der Klimawandel ist in der BaZ eine Legende, Fukushima eine «eingebildete Katastrophe» (BaZ 27.2.2016), wegen Tschernobyl ist laut Somm kein einziger Mensch umgekommen. Dafür fordert der Kriegstreiber vom Zürichsee den Staat Israel mutig zum Präventivschlag gegen den Iran auf. Die Parallelen zur Mentalität eines Donald Trump sind durch alle Themenbereiche hindurch unverkennbar. Diese Liebe zu den grossen, starken, mächtigen – und reichen – Männern. Markus Somm lebt schreibend einen Bubentraum aus.

Somms Lieblinge: Von Sarrazin zu Trump

Seinen ersten Leitartikel widmete er dem «brillanten Kopf» Thilo Sarrazin und dessen fremdenfeindlichen, tendenziell rassistischen Tiraden, die er vollumfänglich zu rechtfertigen suchte (BaZ 31.8.2010). Der Text gipfelte in dem Satz: «Nicht Redeverbote schützen die Demokratie, sondern das freie Wort für jeden – ganz gleich, wie höflich oder unanständig es vorgetragen wird.» Die freie Fahrt für Unanständigkeit beweist die BaZ seither täglich. Und die Freude an Widersprüchlichkeiten ebenso. Einfachheitshalber unterstellte Somm den Sarrazin-Gegnern, sie würden Redeverbote aufstellen. Sie machten aber nichts anderes, als das Recht der Gegenrede in Anspruch zu nehmen. Somms Kommentar ist in sich unlogisch, er verbietet andern, was er für sich und Sarrazin als den wahren Robin Hoods des freien Wortes zu verteidigen vorgibt.

Sein – bisher – letztes Wort zum Sonntag widmete Somm unter dem Titel «Er kann nicht anders, er muss. Deshalb scheitert er» einmal mehr Donald Trump (BaZ 22.10.2016). Es ist ein Meisterwerk der Rabulistik. Es scheint den Autor fast zu zerreissen, dass er seine Faszination für den Immobilienmogul und Möchtegern-Präsidenten nicht ungebremst freisetzen kann. Er adelt ihn einerseits zu einem «Genie des Instinkts» und bezeichnet ihn andrerseits als «Spinner». Er nennt ihn einen «Mann, der immer zum falschen Zeitpunkt das Richtige sagt, und zur rechten Zeit das Falsche». Und dann hebt Somm endgültig ab:

«– nur ein solcher Mann war überhaupt imstande, eine der grössten und wohl folgenreichsten politischen Bewegungen im Westen auszulösen. Es ist eine Rebellion im Gang. Ein Regime und seine Elite werden gerade gestürzt, auch wenn die Betroffenen das noch nicht bemerkt haben. (...) Sie alle ahnen nicht, wie es in der Bevölkerung brodelt. Nicht bloss im Mittleren Westen Amerikas, nicht bloss in Mecklenburg-Vorpommern oder in den zerstörten Städten Frankreichs oder den Hochburgen des Brexit, sondern überall, wo Menschen leben, die sich zu Recht um ihre Stimme betrogen fühlen. Lange lassen sie sich das nicht mehr gefallen.»

Und drohend dröhnend geht’s mit dem stockkonservativen Revolutionsromantiker Somm ins Finale wie ins letzte Gefecht:

«Trump war erst der Anfang. Sollte er nicht gewinnen, wonach es derzeit aussieht, wird ein anderer folgen, vielleicht noch ungehobelter, vielleicht gefährlicher, vielleicht aber auch klüger. Es ist ein Dilemma: Er konnte nicht anders, er musste so, und doch bleibt er der richtige und falsche Mann zur gleichen Unzeit. Die Revolution frisst ihr Kind.»

Aber hallo? Donald Trump als Vorkämpfer für die Entrechteten? Der skrupellose Milliardär und Egomane als Vorhut einer Revolution der einfachen Leute? Das klingt einigermassen bizarr. Aber solche seltsamen Volten haben Somm noch nie gestört. An welchen Sound erinnern denn diese Worte? «Ich will ja gar nicht, aber ich muss, ich kann nicht anders, es ist mein Auftrag, meine Mission, sie gilt es zu erfüllen.» So tönt doch Übervater Christoph Blocher, wenn er sich aufopfernd für das Amt des Bundesrates zur Verfügung stellt, wenn er die Rettung der Schweiz schultert, wenn er unser aller Untergang im grossen populistischen Aufbäumen verhindert.

Und so tönt es eben auch, wenn Missionar Somm vom Basler Stimmvolk zum wiederholten Mal abgewählt worden ist. Seine Mission ist gescheitert, aber noch muss er ausharren, bis einer den Bettel aufkauft. Als publizistisches Projekt wäre die BaZ schon längst falliert. Die Hälfte der Leserschaft verloren, vom Presserat mit zahllosen Verweisen wegen Verstössen gegen die journalistischen Standesregeln gemassregelt, ein permanenter Abgang der qualifizierten Mitarbeiter – kein normaler Chefredaktor hätte das je überlebt. Das Spiel ist aus, aber im Keller und in den Garderoben wird jetzt noch eine Zeitlang gepfiffen und gepöbelt.

 

P.S.

Interessierte können beim Autor oder über die Webseite von RettetBasel! den Film «Die Übernahme» von Edgar Hagen bestellen. Er schildert die verdeckte Übernahme der Basler Zeitung durch Christoph Blocher und dokumentiert anschaulich einige journalistische Auswüchse dieses Blattes.

Wer sich für einzelne der im Text angesprochenen Artikel interessiert, kann sich ebenfalls an den Autor wenden.


Anmerkung der Redaktion: Alfred Schlienger, Theater- und Filmkritiker, u.a. für die NZZ; ehem. Prof. für Literatur, Philosophie und Medien an der Pädagogischen Hochschule; Mitbegründer der Bürgerplattform RettetBasel!; lebt in Basel.

Beitrag zur Kolumnenreihe « kontertext» auf www. infosperber.ch.



5. Mai 2016

Guy Krneta   (Basel)


Regionalzeitungswunder

Zeitungen haben ein Problem. Sie haben mehr als ein Problem. Aber ihr grösstes heisst: Wie wird unabhängiger recherchierender Journalismus künftig finanziert?

Ketzerisch könnte gefragt werden, ob es einen solchen überhaupt je gab. Und angemerkt werden könnte auch, dass es fahrlässig war von der Demokratie, die Finanzierung der «Vierten Gewalt» zu zwei Dritteln der Werbewirtschaft und Kleininseratekunden zu überlassen.

«Ich mache mir grundsätzlich Sorgen»

Die Kleininserate sind ins Internet abgewandert, die Werbeeinnahmen brechen weiter ein, die Leserschaft schrumpft.

Selbst «Blick»-Verleger Michael Ringier macht sich «grundsätzlich Sorgen», wie er gegenüber der Zeitung «Schweiz am Sonntag» gesteht: «Online ist die Refinanzierung von aufwendigem Journalismus bisher nicht sichergestellt. Und Journalismus ist absolut essenziell für eine demokratische Gesellschaft. (...) Niemand weiss, wer in 10 oder 15 Jahren Recherchen finanziert.»

Zwar schreibt sein Medienmischkonzern nach wie vor kräftig Gewinne. Nahe liegend wäre, mit wenigstens einem Teil davon eine Stiftung zu äuffnen, die in Zukunft unabhängigen Recherche-Journalismus finanziert. Boomende Bereiche innerhalb des Konzerns könnten mit einem dauerhaften «Medienprozent» belegt werden. Gottlieb Duttweiler hätte so etwas vermutlich gemacht. Doch Michael Ringier ist nicht Gottlieb Duttweiler.

«Modell der Rentabilität»

Vielleicht ist ja auch alles gar nicht so schlimm. Denn es gibt, wie Medienjournalist Kurt W. Zimmermann in seiner neusten «Weltwoche»-Kolumne (Achtung, Paywall!) berichtet, auch noch andere Zukünfte, zum Beispiel das «Modell der Rentabilität». Dieses manifestiere sich, wie er schreibt, ausgerechnet in der «Basler Zeitung», die eine gänzlich andere Strategie verfolgt als Ringier. Gemäss Zimmermann ist sie eine «der wundersamsten Auferstehungen unserer Pressegeschichte».

Der Umsatz der BaZ liege heute, rechnet Zimmermann vor, bei 48 Millionen. Der Reingewinn betrage etwas über 6 Millionen.

Erreicht worden sei diese «Zeitungszukunft», in dem die Verantwortlichen das Unternehmen von allen «Zusatzaktivitäten» wie Druckereien und Immobilien befreit hätten. «Wo dieser Journalismus politisch steht, hat keine ökonomische Relevanz. (...) Bedeutsamer ist, dass man hier ein nachhaltiges Überlebensmodell für die Regionalpresse entwickelte».

Bemerkenswert

Die Zahlen, auf die sich Zimmermann bezieht, stammen aus der Zeitschrift «Schweizer Journalist» (1.5.2016), dessen Chefredaktor Kurt W. Zimmermann ist. Dort hat sie Rolf Bollmann, Verwaltungsratspräsident der BaZ, geäussert. Überprüfen lassen sie sich nicht. Das Unternehmen «Basler Zeitung Medien» ist nicht börsenkotiert: «Die BaZ ist eine private Aktiengesellschaft und gibt über Ertragslage, Darlehen etc. keine Auskünfte», hatte Christoph Blocher der Zeitung «Schweiz am Sonntag» im Juli 2014 ausgerichtet.

Doch auf der BaZ-Website weist das Unternehmen einen Umsatz von 55 Millionen Franken im Jahr 2014 aus. Bereits damals hatte es geheissen, die «erfolgreiche Sanierung» sei nun abgeschlossen. Wie kommt Zimmermann dazu, einen Umsatzrückgang des bereits sanierten Unternehmens von 7 Millionen als Erfolg zu feiern, der einen Reingewinn von 6 Millionen plausibel macht? In der Tat: Ein wundersames Geschäftsmodell.

Gemäss Erhebungen der WEMF AG für Werbemedienforschung schrumpft die Leserschaft der BaZ nach wie vor überdurchschnittlich. Allein im letzten halben Jahr (Frühjahreserhebung 2016 gegenüber Herbstdaten 2015) ist sie um 12,3 Prozent zurückgegangen. Seit der Übernahme der BaZ durch Blocher & Co im Februar 2010 hat die BaZ mehr als 40 Prozent ihrer Leserschaft verloren.

Wie war das noch mal?

Tatsächlich schrieb die Zeitungsdruckerei der BaZ rote Zahlen. Den grössten Einbruch bedeutete allerdings der Verlust des grossen Druckauftrags der Coop-Zeitung unmittelbar nach Blochers Übernahme – eine Folge der Heimlichtuerei und der unterschiedlichen Agenden von Blochers Strohmännern.

Eine Schliessung der Druckerei kam seinerzeit unter anderem nicht in Frage, da die Pensionskasse mit rund 25 Millionen unterfinanziert war. Die Druckerei Birkhäuser+GBC wiederum soll dem Vernehmen nach schwarze Zahlen geschrieben haben. Und dass die selbst genutzten Immobilien defizitär waren, überrascht. Warum hat Blocher sie dann später für 65 Millionen übernommen?

Summa Sommarum

«Das Blatt gehört heute je zu einem Drittel Blocher, Somm und dem VR-Präsidenten Rolf Bollmann. Sie bezahlten den Freundschaftspreis von rund einer halben Million Franken», schrieb Kurt W. Zimmermann an anderer Stelle («Schweizer Journalist» vom 1. März 2016).

Wer die Garantien für Kaufpreis (70 Mio), Bankschulden (92 Mio), Deckung der Pensionskasse (25 Mio), Sozialplan Druckereischliessung (3,2 Mio) usw. geleistet hat, ist mittlerweile bekannt.

Müsste die heutige BaZ jene enormen Investitionskosten zurückzahlen oder schon nur marktüblich verzinsen, wäre Zimmermanns «Modell der Rentabilität» nachhaltig unbrauchbar.

Und anzunehmen ist, dass Blocher seinen Mitbesitzern ähnliche Rückkaufpassus in den Vertrag geschrieben hat wie seinerzeit Moritz Suter.

Zukunftsmusik

Zimmermann geht es nicht um rückwärts gewandte Schönschreibung. Es geht in der Tat um eine mögliche Zukunft der Regionalpresse, der hier der Boden bereitet werden soll. Eine schrumpfende BaZ ist nicht in Blochers Sinn. Gesucht werden nach wie vor Kooperationen mit anderen Regionalzeitungen, den Tamedia-Blättern «Berner Zeitung» und «Bund» oder den NZZ-Medien «Neue Luzerner Zeitung» und «St. Galler Tagblatt».

«Alle sprechen mit allen», versichert Rolf Bollmann im Interview mit dem «Schweizer Journalist» (1. Mai 2016): «Eine Tageszeitung kann nur noch mit Kooperationen wirtschaftlich überleben. Deshalb überlegt man sich redaktionelle Synergien. (...) Wir sind sicher auch punkto Redaktionsmantel zu Kooperationen bereit, aber nur in bestimmten Ressorts: Das Ressort Inland werden wir immer selber machen – die Gründe kennen Sie.»

Ob und wie lange die zum Teil schon mit der BaZ kooperierenden Medienhäuser Tamedia und NZZ die Werbungsversuche abwehren, wenn mit solch enormen Summen hantiert wird? Vielleicht erleben wir ja bald schon unser nächstes regionales Zeitungswunder.

 

Dieser Artikel erschien im Blog von «Berin ist überall» im JournalB. Dort finden sich auch Kommentare.


Anmerkung der Redaktion: Guy Krneta ist Schriftsteller und Mitglied der Initiativgruppe RettetBasel!



30. Dezember 2014

Philipp Cueni   (Basel)


Die NZZ-Krise als Symptom der Schweizer Medienszene

Eine Zeitung ist dem Verwaltungsrat ausgeliefert. Die Wirren um die NZZ-Führung haben durchaus Symptomcharakter für die Schweizer Medienszene.

Noch ist vieles offen bei der NZZ: wer wird neuer Chefredaktor, wie reagieren die Aktionäre auf das Verhalten des Verwaltungsrates? Wohin steuert die NZZ letztlich ? Dennoch sind seit der überraschenden und schnellen Trennung von Markus Spillmann Fakten bekannt geworden, welche eine Einordnung der NZZ-Wirren in einen grösseren Massstab ermöglichen.

Kurzer Rückblick auf die Fakten: Sicher ist, dass Chefredaktor Markus Spillmann nicht freiwillig gegangen ist, wie zuerst versucht worden ist zu kommunizieren. Es gab zwischen dem Verwaltungsrat und Spillmann Dissens zu Führung und Strategie, aber auch (oder vor allem?) Differenzen zur publizistischen Ausrichtung der NZZ. Gemäss mehreren Quellen sei gesichert, dass der Verwaltungsrat einstimmig sowohl die Trennung von Spillmann wie auch die Nachfolgepräferez „Markus Somm“ beschlossen habe. Aber es soll im Verwaltungsrat vor diesem Entscheid und danach auch erhebliche Differenzen gegeben haben. Nachdem durchgesickert war, dass Markus Somm als neuer NZZ-Chefredaktor bestimmt sei, kam es zu negativen Reaktionen in der Öffentlichkeit. Darauf folgte der Rückzug von Somm, vermutlich war es eher eine Absage an Somm. Dabei haben die klaren Voten gegen Somm aus dem Hause und dem Umfeld der NZZ sicher eine wichtige Rolle gespielt. Unbekannt ist, ob auch die Unklarheiten über den Aktionärsbindungsvertrag von Somm mit der Basler Zeitung ausschlaggebend waren.

Der Verwaltungsrat der NZZ hat in der ganzen Sache von A bis Z eine sehr schlechte Figur gemacht, kommunikativ war das Ganze ein Gau. Symptom 1: Eine erschreckend schlechte Performance des Führungsgremiums eines der wichtigsten Medienhäuser der Schweiz. Von diesem Verwaltungsrat hängen Arbeitsplätze und die Zukunft einer der wichtigsten publizistischen Stimmen der Schweiz ab. Das Handeln des Verwaltungsrates zeigt aber etwas Grundsätzlicheres auf - Symptom 2: Eine Zeitung und ein Medienhaus wie die NZZ mit internationalem Renommee, hohem Qualitätsimage und einer Leserschaft weit über die FDP und sowieso über das Rechtsbürgertum hinaus, eine solche Zeitung kann offenbar durch eine kleine Gruppe aus dem wirtschaftlich-politischen Komplex publizistisch umgepolt werden. Das ist demokratiepolitisch bedenklich. Zwar ist ein Verlagshaus wie die NZZ ein marktorientiertes Unternehmen der Privatwirtschaft. Aber ein Medienhaus ist keine Schraubenfabrik, sondern hat eine öffentliche Funktion, ist der Leserschaft, der Aufklärung, der eigenen Tradition und ihrer gesellschaftlichen Rolle verpflichtet – und nicht nur dem Verwaltungsrat. Die NZZ stand zwar immer der FDP nahe, sie war aber kein Parteiblatt, sondern sie trug zu einem weltoffenen, kritischen und öffentlichen Diskurs bei.

Eine Zeitung kann sich durchaus an einer Haltung orientieren – aber dennoch journalistisch denken und funktionieren. Eine Zeitung für (partei)politische Ziele zu verwenden, wie das Blocher und Somm bei der Basler Zeitung vormachen, ist hingegen etwas ganz anderes. Das sehen offenbar auch prononciert freisinnige Exponenten und auch der ehemalige langjährige NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler so, welche befürchten, der Verwaltungsrat wolle die Zeitung rechtskonservativ ausrichten.

Zugespitzt formuliert stellt das Beispiel NZZ die grundsätzliche Frage: wer bestimmt in einer Demokratie eigentlich, welche Medien den Bürger-innen zur Verfügung stehen? Nicht nur in der Schweiz sind wir nach der Aera der Parteizeitungen und jener der liberalen Verlegerdynastien in einer neuen Periode angekommen. Jetzt droht die Gefahr – Symptom 3 - , dass die Medien, der Journalismus letztlich in die Hände von wirtschaftlichen oder politischen Interessenvertreter gelangen.

In der NZZ-Krise hat sich aber auch sehr erfreuliches und für die Schweiz ungewöhnliches Phänomen gezeigt – die Rolle und Kraft der Redaktion und der Leserschaft. Abonnenten und Leser-innen der NZZ hatten gegen einen publizistischen Kurswechsel Stellung bezogen. Und 223 Mitarbeitende der NZZ haben nach dem Abgang von Spillmann schnell, deutlich und öffentlich protestiert. „Die Ernennung eines Exponenten nationalkonservativer Gesinnung würde in unseren Augen das Ende der Kultur einer liberalen und weltoffenen NZZ bedeuten“. Eine vergleichbare Aktion einer Redaktion gegenüber dem Arbeitgeber – Symptom 4 - gab es in der Schweiz so noch nie. Die Wirkung auf den Verwaltungsrat war entsprechend stark. Dass sich ausgerechnet die Belegschaft der als traditionell, behäbig und bürgerlich geltenden NZZ so zur Wehr setzt, mag überraschen. Sie hat sich dabei auf ein festgeschriebenes Anhörungsrecht berufen. Und plötzlich werden als verstaubt geglaubte Redaktionsrechte oder Redaktionsstatute wieder aktuell.

Einige Redaktionen anderer Medien haben durch ihre Recherchen Transparenz in die Abläufe bei der NZZ gebracht und damit beigetragen, dass der auch als „Putsch“ bezeichnete Plan des NZZ-Verwaltungsrates nicht funktioniert hatte. Gut so! Gar nichts gehört hat man vom Verlegerverband „Schweizer Medien“ – Symptom 5. Normalerweise nehmen die Verleger jeweils vorschnell gegen alle vermuteten Bedrohungen der Medienfreiheit Stellung: gegen den Staat, wenn er die Medien fördern will; gegen die SRG; gegen Qualitätsgutachten, das BAKOM, den Presserat, Google. Und wo bleibt die Stellungnahme jetzt, wo ein Verwaltungsrat versucht, die Arbeit einer Redaktion in eine andere Richtung zu dirigieren? Sie bleibt aus, wo es doch darum ginge, die Rolle der Verlagshäuser als publizistische, als unabhängige Unternehmen zu positionieren und zu verteidigen. Das massive Schlingern eines der grossen und traditionellen Medienhäuser in der Schweiz darf doch der Gemeinschaft der Verleger nicht egal sein. Und schon gar nicht, wenn politische Kreise versuchen, die publizistische Unabhängigkeit zu beschneiden.

Dass politische und wirtschaftliche Interessenvertreter Medien aufkaufen und zu ihren eigenen Gunsten publizistisch ausrichten – dieses Muster kennen wir aus Frankreich und Italien. In der Schweiz haben wir es bei der Basler Zeitung erlebt. Und das Damoklesschwert „Blocher“ schwebt weiterhin über der Schweizer Medienlandschaft: die Gerüchte reissen nicht ab, dass nach der BaZ und der Weltwoche weitere Blätter in den Einflussbereich von Blocher gebracht werden sollen, dass sogar grosse Medienhäuser mit Blocher geschäftliche Gespräche führen würden. Abwehrstrategien oder schon nur eine klare Positionierung gegen eine Berlusconisierung der Schweizer Medien sind keine zu sehen. So darf Blocher genüsslich vermelden, er habe bei einem Abgang von Somm bei der BaZ bereits für die Nachfolge vorgesorgt. So direkt meldet Blocher den Baslern, wer bei der grossen Regionalzeitung das Sagen hat – und kaum jemand reagiert.

Die Geschichte um die NZZ hat auch einen weiteren Basler Aspekt: Offenbar haben die Besitzverhältnisse von Somm bei der Basler Zeitung sogar den Verwaltungsrat der NZZ beunruhigt. Es gibt unbestätigte Informationen, dass Somm seine Besitzverhältnisse bei der BaZ beim Anstellungsverfahren nicht offen legen wollte. Wäre der Widerstand in Zürich gegen Somm aber nicht derart massiv gewesen, dann wäre Somm mit allergrösster Wahrscheinlichkeit nach Zürich abgereist – und Blocher hätte den Blocher-Kurs bei der BaZ mit einer anderen Person fortgesetzt. Erstaunlich auch, dass es sogar im Zürcher Freisinn laute Proteste gibt gegen einen Rechtsrutsch und einen nationalkonservativen Kurs unter einer Chefredaktion Somm. In Basel hingehen beginnen sich einige bürgerliche Kreise mit der Somm-BaZ zunehmend positiv zu arrangieren und allgemein wird der Protest immer leiser.

Die Krise bei der NZZ zeigt: Die Schweizer Medienlandschaft ist labiler, als manche vermutet haben. Bei der NZZ scheint der Widerstand aus Redaktion, Leserschaft und Freisinn einen Angriff auf das Traditionshaus und letztlich ein Stück Medienfreiheit vorerst abgewehrt zu haben. Vorerst. 

(Der Artikel erschien leicht gekürzt am 30.12.2014 in EDITO +Klartext)


Anmerkung der Redaktion: Philipp Cueni ist Chefredaktor des Medienmagazins Edito+Klartext



6. Januar 2014

Markus Sutter


Was will die BaZ? Was war die BaZ?

Brief an den Chefredaktor

Lieber Herr Somm

Zu Ihrem Artikel „Was will die BaZ?“ möchte ich Ihnen zuerst ganz herzlich gratulieren. Ich habe keinen einzigen Kommafehler gefunden.

Finden Sie diese Begründung lustig, doof, provozierend, erhellend oder schlichtweg überflüssig? Wie dem auch sei: Ich vermute, dass Sie beim Lesen des ersten Satzes noch eine gewisse Genugtuung und Freude verspürten, Ihnen aber beim zweiten Satz gewisse Zweifel aufkamen: Will mich dieser Kerl nur auf die Schippe nehmen?

Nein, das will ich nicht. Ich habe nur versucht, zu Beginn dieses Beitrages eine Spur des neuen BaZ-Stils unterzubringen. Ein aktuelles Beispiel gefälligst? In der Berichterstattung vom 7.1.2014 über einen Neujahrsapero lautete der erste Satz: „Die fehlerfrei vorgetragene Rede von Regierungspräsident Guy Morin…

Die BaZ ist unter Ihrer Leitung wirklich eine andere geworden. Ich habe in der Basler Mediengruppe über 20 Jahre gearbeitet, in diesen goldenen Zeiten, als anständige Löhne in diesem Metier noch zur Tagesordnung gehörten. Aber ein solcher Satz wie der geschriebene über den Neujahrsapero wäre mir nie eingefallen und - das wage ich zu behaupten - auch keinem meiner damaligen Kolleginnen und Kollegen.

Wer nicht aneckt, geht unter, schreiben Sie. Einverstanden, wenn Sie darunter verstehen, dass man als Medium ein kritischer Begleiter sein soll. Den Repräsentanten in der Politik, die über unsere Steuergelder befinden, muss man effektiv speziell auf die Finger schauen. Heute erst recht.

„Anecken“ kann aber auch etwas anderes bedeuten. Das „Lächerlich- oder Kleinmachen“ von prominenten Zeitgenossen war früher zweifellos nicht Standard bei der Forumszeitung BaZ. Warum nicht? Vielleicht bestand teilweise wirklich eine (zu) grosse Nähe zwischen Journalisten und wichtigen politischen sowie wirtschaftlichen Kreisen. Man hat sich viel mehr persönlich ausgetauscht, Zusammenhänge erfahren, eine bessere Einordnung vornehmen können – und vielleicht dann schliesslich sogar auf eine Berichterstattung verzichtet.

Ich kann mich zum Beispiel noch gut an ein Gespräch mit einem völlig aufgewühlten Chef einer grossen Firma erinnern. Beim Unternehmen stand eine grosse Entlassungswelle bevor, worüber ich schreiben wollte. Der Chef bat mich inständig darum, auf eine Publikation vorderhand zu verzichten, weil die Mitarbeitenden eine solche Nachricht nicht aus der Zeitung erfahren sollten. Ich habe nachgegeben. Oder der Fall eines Regierungsrates, der sich über die schlechte Behandlung seiner eigenen Partei vehement beklagen wollte – ein gefundenes Fressen für jeden Journalisten. Bei der Recherche kam mir zu Ohren, dass dieser Mann schwer krank war, nicht mehr genau wusste, was er sagte. Der Parteipräsident versprach auf später genaue Infos, aber nicht zu diesem frühen Zeitpunkt. Ich habe abgewartet, den Regierungsrat quasi vor einer Blamage in eigener Sache geschützt. War das falsch? Ist das gleichzusetzen mit Klüngelei und zuviel unangebrachter Rücksichtsnahme bzw. Beisshemmungen. Ich wage kein abschliessendes Urteil.

Heute herrschen jedoch geradezu umgekehrte Verhältnisse. Die Medienleute suchen sich ihre Informationen vermehrt nur noch im Netz. Die Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik wiederum decken sich mit Kommunikationsfachleuten ein, welche als Filter wirken und massgeschneiderte Antworten vorbereiten. Spontanaussagen haben Seltenheitswert, was kein Wunder ist. Ein falsches Wort und man findet alles und auf ewig im Internet. Die Distanz zwischen Medien und Entscheidungsträgern ist grösser geworden, die Gefahr für Missverständnisse und Fehlinterpretationen aber ebenso. Man misstraut sich automatisch mehr.

Zuviel persönlicher Abstand kann jedoch genauso schädlich sein wie zu viel Nähe. Früher wäre es beispielsweise einem unpolitischen rasenden Reporter aus Basel nie in den Sinn gekommen, ein Portrait über einen neuen Bundespräsidenten zu schreiben, mit dem er vermutlich in seinem ganzen Leben kein einziges Wort gewechselt hat. Ein indianisches Sprichwort besagt, dass man über einen Menschen erst urteilen soll, wenn man mindestens 24 Stunden in seinen Schuhen verbracht hat. Das ist für einen Journalisten vielleicht ein bisschen zuviel verlangt, aber es hatte schon seine berechtigten Gründe, dass nur Bundeshausjournalisten eine derart anspruchsvolle Aufgabe anpackten. Sie kannten die Magistraten meistens schon seit Jahren.

Heute genügen ein paar Klicks in der Mediendatenbank : Innerhalb von Sekunden wird eine Unmenge an Informationen über jede halbwegs bekannte Person ausgespuckt. Jetzt muss der fleissige Journalist nur noch die geeigneten „Fakten“ zusammenfassen, ein paar lustige oder peinliche Aussagen mit ein paar Daten zum curriculum ergänzen, und schon steht die Story. Als Endprodukt resultiert dann beispielsweise so eine Geschichte, wie sie kürzlich über Didier Burkhalter in der BaZ zu lesen war: Irgendwie amüsant, aber äusserst despektierlich und zudem politisch inhaltslos.

Markus Somm schreibt: „Erringt ein Blatt das faktische Monopol, verlieren die Journalisten den Anreiz, sich unnötig Feinde zu schaffen“. Der Didier-Burkhalter-Autor hat sich mit seinem Portrait sicher mindestens einen Feind mehr verschafft und (deshalb) möglicherweise ein Lob des Chefredaktors geholt. Aber kann und soll es das Ziel von Journalisten sein, sich unnötig Feinde aufzuhalsen? Sollte es nicht vielmehr das Ziel eines seriösen Medienmachers sein, sich dank Kompetenz Respekt zu verschaffen? Respekt und Kritik schliessen sich keinesfalls aus .Grundvoraussetzung dafür ist aber, dass Kritik begründet wird. Oder wie mir ein weiser Chef einst sagte. „Loben können Sie ohne Gründe, aber Kritik muss eine nachvollziehbare Grundlage haben“.

Die BaZ soll kritisch sein, sie soll sogar Feinde in Kauf nehmen, aber sie sollte nicht geradezu verbissen das Ziel verfolgen, sich Feinde zu schaffen. Das ist allenfalls eine oft unumgängliche Begleiterscheinung. Im Stil liegt für mich im Grunde genommen der grösste Unterschied zwischen der „alten“ und der „neuen“ Basler Zeitung. Unliebsame Politiker wurden in früheren Zeiten nicht derart persönlich „fertiggemacht“ und als unfähige Deppen, im besten Fall noch als naive Gutmenschen hingestellt.

Diesen Eindruck muss beispielweise auch bekommen, wer in der BaZ seit geraumer Zeit die Berichterstattung über das eminent wichtige Thema EU verfolgt. Statt sich mit der zugegebenermassen recht komplexen Materie auseinanderzusetzen und den Lesern step by step wertvolles Wissen zur Meinungsbildung zu vermitteln, wird auf die populistische Schiene ausgewichen. Brüsseler Entscheidungsträger werden in den Dreck gezogen – so wie das einige politische Sachverwalter in diesem Land schon seit Jahrzehnten unaufhaltsam tun, indem sie den Graben zwischen der classe politique und dem Volk bewusst vergrössern.

Eine Zeitungsredaktion sollte sich aber nicht wie gewisse Politiker verhalten - also nicht Stimmungen provozieren, um ein politisches Ziel zu erreichen. Diesen Eindruck habe ich aber von Ihnen, Herr Somm. Mit dem klaren Ergebnis einer internen Umfrage über Ja oder Nein zu Kernkraftwerken wollten sie in Ihrem Artikel den Beweis erbringen, dass die Redaktion zu Beginn Ihrer Amtstätigkeit „links“ stand. Das Beispiel war schlecht gewählt, sagt schlichtweg nichts aus. In Frankreich haben wir eine sozialistische Regierung, die nach wie vor auf Kernenergie setzt. In Deutschland hat die bürgerliche CDU-Frau Angela Merkel die Abkehr von der Kernenergie in Gang gesetzt.

Sie hätten der Redaktion eine andere Frage stellen sollen, zum Beispiel: Wer von Ihnen ist für die Einführung der 40-Stunden-Woche bei Lohngleichheit? Oder: Wer von Ihnen ist für die Einführung einer nationalen Erbschaftssteuer? Denn im Kern geht es bei all diesen Links oder Rechts-Debatten immer nur um Umverteilungskämpfe. Und darüber soll und darf gestritten werden.

Selbstverständlich steht es Ihnen frei, die Redaktion nach ihren (bürgerlichen) Vorstellungen umzubauen. Aber wenn ich Ihnen einen kleinen Tipp geben darf: Suchen Sie doch lieber Leute aus, die neben einer fachlichen Qualifikation und einer spitzen Feder auch über ein paar geeignete, respektive unverzichtbare Charaktereigenschaften für diesen Job mitbringen: Redlichkeit, Fairness, die Bereitschaft zuzuhören und nicht mit einer vorgefassten politischen Meinung ans Werk zu gehen.

Ich wünsche mir wie Sie eine BaZ, die leidenschaftlich, heimatverbunden, weltoffen, eigensinnig, vielfältig, kurzweilig und auch angriffig ist. Ich wünsche mir aber auch eine Redaktion, die sich im klaren ist, dass sie eine grosse Verantwortung für ihr Handeln und gegenüber allen Menschen trägt, die sie ins Visier nimmt. Nur noch Wutbürger zu bedienen und diese in ihren Vorurteilen gegenüber dem „masslosen“ Staat und einer als egozentrisch bezeichneten Politik zu bestätigen, kann nicht das Ziel einer bedeutenden Zeitung sein. Sonst riskieren Sie bei vielen Lesern, was Ihnen gemäss Ihren eigenen Worten speziell weh täte: Gleichgültigkeit.

Mit freundlichen Grüssen

Markus Sutter

 


Anmerkung der Redaktion: Markus Sutter (57) arbeitete in der Zeit von 1986 bis 2007 in verschiedenen Funktionen bei der BaZ (Lokal-, Inland-, Wirtschaftsredaktor und Auslandkorrespondent), zudem fünf Jahre als Chefredaktor des Baslerstabs.



9. Januar 2013

Werner Gysin   (Reinach)


Offener Brief an den Chefredaktor der SonntagsZeitung (Tamedia)

Sehr geehrter Herr Chefredaktor Spieler,

Gestatten Sie mir, dass ich Sie ab heute als Falschspieler betrachte.

Nur so lässt sich Ihre Versicherung erklären, dass die Zustellung der Sozei an die BaZ-Abonnenten nur wegen der Einstellung der BaZ-Sonntagsausgabe erfolge.

Mit der heutigen Mitteilung des neuen BaZ-Druckortes Tamedia haben auch Sie sich bezüglich dieser Aussage demaskiert, denn in Bälde kommt beides aus demselben Haus.

Nun, da ich nicht BaZ - Abonnent bin trifft mich dies nicht direkt.

Es bleibt zu hoffen, dass möglichst viele BaZ-Abonnenten diesen Deal nicht goutieren und auch eine Zürcher - BaZ bald zum Verlustgeschäft wird, was sie ja in der jetzigen Konstellation schon ist.

Es lässt vermuten, dass auch die Tamedia geldmässig nicht mehr auf Rosen gebettet ist, vor wenigen Jahren wäre so ein Deal mit Blocher/Tettamanti in Ihrer Unternehmung nicht mal auf die Zunge genommen worden. Aber eben: Geld stinkt nicht, woher es auch kommen mag, wenn man es nötig hat. Die Blocher-Abhängigkeit, oder zumindest redaktionelle Rücksichtsnahme gegenüber Blocher-Konstellationen, ob sie das wahr haben wollen oder nicht, ist Tatsache.

Für mich ist der Tagi, und alles was damit zusammenhängt in eine untere Liga abgestiegen. Sich schämen wäre angebracht.

Da die Sonntagszeitung der AZ-Medien immer besser wird, sind die Tage der SOZEI in meinem Briefkasten gezählt. Ich kaufe bei niemandem, der in der geringsten Weise die BaZ unterstützt. 



26. Dezember 2012

Ursula Nakamura-Stoecklin   (Wölflinswil)

frauenrechte beider basel

Schmierige Annäherungsversuche

Offensichtlich versucht die im Sinkflug begriffene Basler Zeitung nun in krassem Boulevardstil neue Leser/innen zu gewinnen. Da wundert es nicht, dass Michael Bahnerth ein eingefleischter Zögling von Chefredaktor Somm auf plumpe Art vom Leder zieht und mit üblen Diffamierungen versucht, sich Eva Herzog anzunähern, mit dem Ziel, die Regierungsrätin lächerlich zu machen.

Eben ja – glücklicherweise passt Eva Herzog nicht in das Frauen verachtende Umfeld von M. Bahnerth mit jenen kruden, männlichen Machtansprüchen.

Nein so nicht! Sondern wir stehen voll hinter der Person und dem Wirken von Eva Herzog.

Damit sind wir nicht alleine. Auch M. Bahnerth müsste einsehen, dass genau diese sogenannt unnahbare Frau vor kurzem von der Basler Bevölkerung mit einem Spitzenresultat wiederum in den Regierungsrat gewählt worden ist. Eva Herzog geniesst das Vertrauen von uns allen, und wir wünschen ihr mehr denn je viel Erfolg in ihrem verantwortungsvollen Amt. 



19. April 2012

Urs Lehmann   (Basel)


BaZ-Abo-Kündigung

Sehr geehrter Herr Somm,

Als passioniertem Zeitungsleser war es mir immer wichtig, eine lokale Zeitung zu abonnieren - früher die National Zeitung, anschliessend (faute de mieux) die Basler Zeitung.

Das Verwirrspiel um die Besitzverhältnisse bei der BaZ und die entsprechende Berichterstattung haben jedoch eindrücklich demonstriert, dass man bezüglich relevanter regionaler Nachrichten in Basel besser den Tages-Anzeiger konsultiert.

Ein weiteres Beispiel: wenn die bekannte Basler Biologin Florianne Koechlin ihr neues Buch vorlegt, publiziert der Tages-Anzeiger umgehend einen halbseitigen Beitrag dazu (19. März 2012; Seite 5). In der Basler Zeitung hingegen erscheint ein entsprechender Artikel erst, nachdem Florianne Koechlin bei Giacobbo/Müller (25. März 2012) zu Gast war (BaZ, 7. April 2012; Seite 37).

Als Naturwissenschaftler erstaunt es mich auch einigermassen, dass eine Zeitung mit dem Anspruch einer BaZ glaubt, auf eine Wissenschaftsredaktion verzichten zu können. Dass der einzige “Wissenschaftsredaktor” überdies dem Ressort Politik zugeordnet ist, lässt tief blicken - Wissenschaft im Dienste der Politik bei der BaZ?

Eine Anmerkung noch zu diesem Ressort und ihrem Leiter. Bei der Lektüre der Kommentare von Thomas Lüthi kann ich mich oft des Eindrucks nicht erwehren, dass er seine Leser für naiv hält. Als Beispiel zur Illustration der Kommentar “Offenlegung bringt nichts” über die Finanzierung von Abstimmungskampagnen (22. Februar 2012). “Die persönliche Neugier wäre mit einer Offenlegung vielleicht befriedigt, für die Wirtschaft des Landes aber sicher nichts gewonnen.”... “Natürlich, der ‘Gwunder’ wäre schon da. Aber Parteienfinanzierung ist Privatsache und sollte es bleiben.”

Von einem Journalisten - speziell einem Ressort-Leiter - erwarte ich zumindest überzeugende Argumente. Ich wünsche mir im Idealfall Gedanken, Fakten oder Zusammenhänge, die mir neu sind, die mich überzeugen - ein Aha-Erlebnis quasi. Bei Daniel Binswanger vom Magazin beispielsweise ist das immer wieder der Fall.

Gehen wir noch zur “vorletzten” Seite mit den diversen Rubriken wie Carte Blanche, Agenda etc..

Brauchen wir mit Knud Kohr nun wirklich noch einen Berliner Minu - reicht ein Basler nicht vollends?

Wen interessieren die Weisheiten des “reisenden und schreibenden Aventurier und professionellen Skippers” Till Lincke?

Was soll die zumeist penetrant einseitige ‘Sélection Hanspeter Born‘?

Wenn ich die Weltwoche lesen möchte, dann doch lieber gleich das Original.

Und wen interessieren wöchentlich die oft leicht wehleidigen Kolumnen des Pharmavertreters Thomas Cueni?

Lassen wir Max Frenkel - über ihn ist schon zur Genüge geschrieben worden.

Aber nehmen wir noch Dirk Maxeiner - lediglich ein halber Satz aus seinem Beitrag über die Erfolgsgeschichte des Kapitalismus (30. März 2012): “Die Bankenkrise, die in Wahrheit ja wohl eher eine Staatsverschuldungskrise ist, ...”

Ich möchte Dirk Maxeiner nicht unterstellen, dass er so schlecht informiert und naiv ist, um Ursache und Wirkung auf den Kopf zu stellen. Ich gehe vielmehr davon aus, dass es sich dabei um die sattsam bekannte Antistaats-Polemik handelt.

Gehen wir bei dieser Thematik doch etwas ins Detail und sehen uns beispielsweise die schlichte, aber umso eindrücklichere Grafik im wohl gänzlich unverdächtigen Kundenbrief der Basler Kantonalbank an (BKB Aktuell 1/12, Seite 2; vgl. Beilage). Diese Grafik zeigt, dass die Staatsschulden in der Folge der Bankenkrise 2008 sprunghaft ansteigen - in Europa, aber noch viel stärker in den USA. Detaillierte Grafiken zu den einzelnen europäischen Ländern sind für den Interessierten verfügbar (z.B. Eurostat / IWF); sie alle zeigen das gleiche Bild. Uebrigens: warum prügelt die Presse fast unisono ständig auf Griechenland herum? - dessen Volkswirtschaft ist doch vergleichsweise marginal. Welche Gefahren gehen denn von der ungleich bedeutenderen US Volkswirtschaft (mit der noch höheren pro Kopf Verschuldung) für die ganze Welt aus? Warum nicht mal einen fundierten Artikel über diese Problematik in der Basler Zeitung?

Wäre doch an sich denkbar, denn langsam (Bankgeheimnis!) scheint die bislang vorbehaltlose Begeisterung für God’s own country einer gewissen Ernüchterung zu weichen. “Es ist vielleicht das Ende einer wunderbaren Freundschaft” (BaZ, 28. Januar 2012). Oder: “Wer hätte je geglaubt, dass ausgerechnet die USA, unsere Schwesterrepublik, ein alter Rechtsstaat, einen der wichtigsten Grundsätze des Rechts missachtet...” (BaZ, 11. Februar 2012).

Seit dem Wechsel der Chefredaktion bei der Basler Zeitung sind auffallend viele Artikel über grosse Männer, Autoritäten, Führer oder Vaterfiguren zu lesen. Interessiert diese Thematik die Leser der Region wirklich so ausgeprägt? Oder gibt es dafür nicht viel mehr einen biografischen Hintergrund? Die Spatz Zeitung vom Januar-Februar 2012 erwähnt im Leitartikel “BaZ-Chef Markus Somm: ein Psychogramm” dessen Schwäche für Vaterfiguren. Aber wozu denn die ganze Region Basel mit diesen Essays beglücken?

Ein weiterer Punkt sind so grobe und geschmacklose Attacken wie der Titelseiten-Kommentar zum Rücktritt von Micheline Calmy-Rey (08. September 2011). Wie kann sich ein Chefredaktor zu einer so gehässigen Tirade hinreissen lassen?

Oder der ganzseitige scheinheilige Aufschrei der Empörung über eine Lüge von Frau Widmer-Schlumpf (Thema, Seite 2; 18. November 2011). Wenn sich hingegen Herr Blocher mit billigen Lügengeschichten hervortut: kein Wort in der BaZ. Hat dies vielleicht auch mit der Schwäche für Vaterfiguren zu tun?

Und schließlich noch etwas. Ein begnadeter Schreiber sei Markus Somm, wird allenthalben kolportiert. “Ein brillanter Kopf” - so die Spatz Zeitung vom Januar-Februar 2012. Es fällt mir jedoch schwer, diese Qualitäten in den publizierten Texten zu erkennen. Greifen wir ein Beispiel heraus: “Die Schweiz hat ihren Reiz” (11. Februar 2012; Thema, Seite 3).

(Entschuldigen Sie bitte meine Pedanterie - aber es geht in diesem Zusammenhang leider nicht anders.)

• “Wer so erfolgreich bleibt in einem Umfeld der einstürzenden Ruinen, muss sich hüten, leichtfertig nachzugeben.” Sind Ruinen nicht ausreichend? Müssen es einstürzende Ruinen sein?

• “...dass bei uns Andersdenkende nicht erschossen und Dissidenten nicht eingesperrt werden...” Dissidenten oder Dissidente - nur ein Druckfehler?

• “Diese Rechtssicherheit, diese Solidität aus einem Diamanten: Sie gehört zu den wichtigsten komparativen Vorteilen diese Landes. Wir sind im Begriff, ihn preiszugeben.” “Ihn”? - worauf bezieht sich “ihn”? Gibt es dazu nicht verbindliche Grammatik-Regeln? Und “komparative Vorteile”? Sind Vorteile nicht prinzipiell komparativ?

• “Nicht aber kommt es infrage...” So ein Satzanfang in einem Schüleraufsatz - nicht akzeptabel!

Haben wir uns im Gymnasium solche Sätze und Formulierungen geleistet, hat sie der Deutschlehrer jeweils genüsslich unter dem tobenden Gelächter der Mitschüler vorgelesen...

Und noch ein letztes Zitat - aus dem (ziemlich anbiedernden) Artikel “Weltoffenheit und Eigensinn” über Basel und die Chemie (20. November 2010): “Zugegeben, als Chefredaktor der Basler Zeitung, der aus Zürich gekommen ist, um diesem Blatt neuen Glanz zu verleihen, schreibe ich nicht uneigennützig über dieses Phänomen, dieses Beben zwischen aussen und innen.” Auch hier letztlich eine Frage des Stils: “Neuer Glanz“? “Dieses Beben zwischen aussen und innen“?

Der langen Rede kurzer Sinn - so schwer es mir fällt - ich möchte mein Abonnement der Basler Zeitung nun nicht weiter verlängern. Ich habe es mir sehr lange und gründlich überlegt.

Meine Alternative zum BaZ-Abo: beim Frühstück die gedruckte Ausgabe des Tages-Anzeigers und zur regionalen Information die TagesWoche, die ich seit Beginn abonniert habe.

Mit bestem Dank für Ihr Verständnis und freundlichen Grüssen

Urs Lehmann 



18. Februar 2012

Thomas Hungerbühler   (Basel)


Sparlampen erfüllen

Klarstellungen zum Artikel: „Sparlampen erfüllen Erwartungen nicht“ von Michael Breu am 12.1.2012 in

Der Journalist für Politik und Wissenschaft bei der BAZ, Michael Breu, beklagt „unvollständige und einseitige Dossiers bei der EU-Abstimmung für ein schrittweises Glühlampenverbot 2009“ ... „Ein paar rudimentäre Ökobilanzen liegen vor.“

Die englische Diskussionsvorlage "Final report Lot 19: Domestic lighting" (1) für das EU-Parlament hat 657 Seiten. Der Report enthält Daten und Tabellen über Glühlampen, Quecksilberdampflampen, neue LED, Kombinationen und deren Vorteile und Probleme.

Breu nutzt den alten Trick der Anführungs- und Schlusszeichen im Sinne von „sogenannt“ statt für direkte Rede und Zitate. Er hat auch die suggestive Verwendung des Konjunktivs voll im Griff. Tatsachen schreibt Breu im Konjunktiv (Möglichkeitsform), während die Beweise gegen die Sparlampe im Indikativ (Wirklichkeitsform) zitiert werden. Schaut man diese Beweise genauer an, kommt höchst Erstaunliches zum Vorschein.

Breu zitiert eine Aussage aus dem Buch "Lügendes Licht" von Thomas Worm und Claudia Karstedt: „Andreas Löschel ... hat ... deutlich gesagt, dass «durch das Glühlampenverbot keine Tonne CO2 eingespart wird».“ Dieses Zitat aus dem Buch stimmt, nur hat Löschel es im Zusammenhang mit dem CO2-Ablasshandel beschrieben. Weil die Energieproduzenten durch Einsparungen weniger an Zertifikaten brauchen, werden diese wegen der Mengenbeschränkung durch andere Firmen aufgekauft und die Rechnung geht vorerst auf. Das Geld der CO2-Zertifikate wird jedoch für effektive Emissionsreduktionen eingesetzt, was Löschels Aussage zur Zwecklüge macht. (2)

Die EMPA-Studie (3): „...kommt zum Schluss, dass die Herstellung der Sparlampe bei einer umfassenden Umweltbilanz schlechter abschneidet als jene der Glühbirne.“ Richtig abgeschrieben. Aber dass dieser Effekt nur für die ersten 50 (EU-Strommix) bis 187 (CH-Strom) Stunden Brenndauer gilt, verschweigt Breu. Deutschland gibt diesen Break-even Point bei 140 Stunden an. Diese Zeitangaben beinhalten auch die Produktion und das Recycling. Danach leuchten Sparlampen 4 bis 5 mal effizienter und damit umweltfreundlicher.

Breu verschweigt, dass Grossmutters Neonröhre mehr Quecksilber enthält als eine Kompaktleuchtstofflampe. Die Mengen sind minim gegenüber Thermometern und anderen Messgeräten in Haushalt und Medizin (150 mg und mehr). Moderne Sparlampen enthalten weniger als 2 mg Quecksilber bei einer EU-Obergrenze von 5 mg (tausendstel Gramm).

Der Nachteil, dass sie ins Recycling gebracht werden müssen, gilt für alle quecksilberhaltigen Geräte, also auch für Elektroschrott, Fernseher, Batterien und Messgeräte. Der Bruch von Quecksilberdampflampen bildet für Erwachsene keine Gefahr, wenn die Reste sachgerecht entfernt werden.

Von der Tatsache, dass auf der Welt durch Verbrennen fossiler Brennstoffe (45 % durch Kohleverbrennung, 10 % durch die Betonproduktion) pro Jahr 6'500 t Quecksilber in die Luft geblasen wird, erfährt man nichts. Die Stromproduktion gibt immer Quecksilber und CO2 in die Luft ab, wenn man den Bau, den Betrieb und den Rückbau mitberechnet. Aus verschiedenen Quellen (4) kann ein ungefährer Gehalt der gefährlichen Stoffe errechnet werden. Er wird mit Milligramm pro Kilowattstunde (mg/kWh) angegeben, was aber auch Tonnen pro Terawattstunde (t/TWh) heisst. Mit einem Anteil von 40 % Kohlestrom wird in Deutschland ca. 0.015 t/TWh Quecksilber angegeben was für den CH-Strommix ohne Kohle etwa 0.012 t/TWh entspricht. Da in der Schweiz der Atomstrom (2.5 t/TWh radioaktiv verseuchtes Material) zu 41 % am Strommix beteiligt ist, fällt dabei auch 1.03 t/TWh Atommüll an, der hoffentlich nicht in die Umwelt gelangt.

Herr Breu zitiert die Umweltjournalisten Worm und Karstedt (Lügendes Licht) „ ... belegen nun, dass durch den Boom der Sparlampen in Europa mehrere marode Quecksilberminen in der chinesischen Provinz Guizhou wieder in Betrieb genommen wurden – mit verheerenden Folgen für die Umwelt.“ Diese Information stammt vom Spiegel.de, der die Story seinerseits von der Times abgeschrieben hat. In der Spiegelausgabe DER SPIEGEL 37/2009 - MORGEN ROT - WIE LINKS WIRD DIE REPUBLIK? heisst es u.a.: "Leiden für die Ökolampe" ... Dadurch steigt die Nachfrage nach Energiesparlampen; und einer der größten Produzenten der Ökobirnen ist China. Der Haken daran: Für ihre Herstellung wird das giftige Schwermetall Quecksilber benötigt. Nun werden etliche alte Quecksilberminen wieder geöffnet, in denen Arbeiter unter zum Teil menschenunwürdigen Bedingungen schuften – ohne Sicherheitsvorkehrungen oder Schutzkleidung, wie die britische „Times“ berichtet..."

Die Arbeitsverhältnisse in China sind tatsächlich prekär und lamentabel. Die Ökolampe hat damit aber nichts zu tun, was auch der Spiegel weiss. Im Spiegel-Spezial von 2005 "Die Weltfabrik" kommt das Wort Quecksilber nicht einmal vor.

Im Jahr 2000 wurde für alle produzierten Geräte und Industrieverfahren 3386 t Quecksilber verbraucht, davon 302 t in der EU. Für quecksilberhaltige Leuchtmittel aller Arten betrug der Anteil weltweit 2.7 %. (5)

Was wir nicht erfahren ist auch, dass Europa mit über 1000 t pro Jahr bis 2005 der grösste Quecksilberexporteur der Welt war und dass sich durch die Umstellung auf quecksilberfreie Produktionsweise in der Chloralkaliindustrie und Recycling eine Menge von 12‘000 t bis 15‘000 t Quecksilber angesammelt hat. Am 28.1.2005 richtete die EU-Kommission eine 16-seitige Mitteilung an den Rat und das Europäische Parlament (Gemeinschaftsstrategie Quecksilber (6)), um die Produktion und die Exporte zu verbieten, eine Strategie zum Schutz von Mensch und Umwelt zu entwickeln und das Recycling zu verstärken. Als Beispiel die „Massnahme 20. Um das Angebot an Quecksilber auf internationaler Ebene zu reduzieren, sollte sich die Gemeinschaft für einen weltweiten Ausstieg aus der Produktion an Primärlagerstätten stark machen ...“ Das EU-Exportverbot gilt seit März 2011. Im Moment wird in der EU über ein weltweites Export- / Importverbot und über die Art der Lagerung verhandelt. 2003 stellte Mayasa in Spanien die Förderung ein und handelt seither mit dem Quecksilberüberschuss innerhalb Europa. Die letzte Quecksilbermine der EU in franz. Guyana wurde geschlossen. Die Schweiz setzt sich für die Schliessung einer Mine im südkirgisischen Khaidarkan ein und fördert seit 2003 eine weltweite Quecksilberkonvention.

Trotz dieser Anstrengungen verkauft China ungeniert Quecksilberthermometer, Quecksilbermessgeräte, Quecksilberschalter u.s.w. in die ganze Welt. Die german.alibaba.com, eine International tätige chinesische Handelsfirma, verkaufte am 12.2.2012 reines Quecksilber 99.9999% zu 95 - 98 $ pro kg. Mindestbestellmenge 5 Tonnen! Mit dieser Menge könnte China über 3.3 Milliarden moderne Energiesparlampen à 1.5 mg bauen (Forderung der Ökoverbände)! Ein Grossverteiler in der Schweiz bietet ein Dreierpack Sparlampen aus China mit je 2.5 mg Quecksilber für 7.80 Fr. an. Alle anderen dort angebotenen Sparlampen und Leuchtröhren sind zwar teurer, enthalten aber nur 1.4, 1.6 und 1.9 mg Quecksilber und leben länger.

Die Glühlampenbewahrer treiben die Bevölkerung zur Stromvergeudung an (Wärme statt Licht) und vergessen, dass elektrisch Heizen ökologischer Stumpfsinn ist und im Sommer mit Klimaanlagen gekühlt wird. Vergessen ist die Sparkampagne „Bravo“ des damaligen Energieministers Ogi. „Einzig die Luzerner SVP-Nationalrätin Yvette Estermann erkundigte sich in einer Interpellation nach «möglichen Gefahren für die Bevölkerung».“ Das ist ihr Recht, aber sie ist nicht die Einzige. Die im Artikel angesprochenen Gefahren der Sparlampe sind nicht neu und gelten auch für Leuchtstoffröhren, Computer, Bildschirme, Fernseher, Handys u.s.w. Sie sind seit deren Erfindung im Gespräch und in Studien einbezogen. Die Industrie hat auf diese Gefahren und Nachteile reagiert: Das Wechselstromflackern (50 Hz) ist verschwunden, Filter steuern die Farbtemperatur nach Wahl, UV-Filter sind eingebaut und wirken effizient (bis 98%), weil sich polarisierte Lichtwellen selektiv filtern lassen, Splitterschutz sind auch bei Neonröhren eingebaut, für Museen und Ateliers sind Leuchtmittel auf dem Markt. Die Studien über die Auswirkungen elektrischer Felder stapeln sich, seit es elektrische Leitungen gibt. Frau Estermann kann bei mir im Kasten eine über 100-seitige Studie abholen. Es gibt Firmen, die mit Magnetmatratzen daraus Kapital schlagen. Weil solche Felder nicht gefiltert werden können, ohne dass das Licht auch gefiltert ist, bleiben 2 Möglichkeiten: Strom am Hauptschalter abschalten (dann besteht nur noch ein elektrisches Feld im Keller) oder Abstand halten von der Quelle, wo der Strom fliesst, denn dort gibt es auch ein magnetisches Feld. Zum Glück nimmt die Energie der Felder im Quadrat zum Abstand ab. Deshalb ist die von Herrn Breu erwähnte Empfehlung des Bundesamtes für Gesundheit richtig „Halten Sie einen Abstand von 30 Zentimetern zu Energiesparlampen ein, um die Belastung durch UV-Strahlung und elektrische Felder klein zu halten.“ Wobei in Bezug auf nicht filtrierbare elektromagnetische Felder statt „Energiesparlampen“ auch "elektrisch betriebene Geräte" geschrieben werden könnte.

Durch korrekte Information statt Angstmache könnte die Psyche der Erdenbewohner für die Zukunft gestärkt werden. Vergesst die Mär vom „Nicht-Abschalten“ der Sparlampen und Fluoreszenzröhren, denn der Startmehrverbrauch dauert nur 0.1-2 Sekunden und ist nach ein paar Minuten wieder eingeholt. Warme, schnellstartende und schaltresistente Energiesparlampen auch für Treppenhäuser sind auf dem Markt. Sie kosten im Moment mehr, holen das Geld aber über die Stromrechnung mehrfach wieder herein. Testvergleiche bestätigen dies. (7)

Statt dessen schreibt Herr Breu über den Rebound-Effekt: „Wissenschaftler um Jeff Tsau von den Sandia National Laboratories in Albuquerque, US-Bundesstaat New Mexiko, haben nachgewiesen, dass der Stromverbrauch nach der Einführung von neuen, sparsameren Lampen tatsächlich deutlich ansteigt.“

Wann hat Jeff Tsau diese Studie gemacht?

Eine Studie von 1911 bewies tatsächlich einen Rebound-Effekt von über 100 %. Damals wurde statt der teuren Edison-Kohlefaserlampe eine 4x billigere und 4x effizientere Wolfram-Glühlampe (die Haushaltlampe) angeboten. Die Amerikaner, durch die aufstrebenden Elektrizitätswerke erst neuerdings ans Stromnetz angeschlossen, ersetzten reihenweise ihre alten Kerzen und Gaslichter durch die neue Glühlampe. Kein Wunder, dass bei diesem aggressiven Marketing der Energieverbrauch in die Höhe schoss! Heute, im gesättigten Markt, wird noch mit einem Rebound-Effekt von ca. 30 % gerechnet. Das heisst, dass 1/3 der Energieersparnis flöten gehen kann. Wenn die Bevölkerung richtig aufgeklärt wird (Abschalten lohnt sich in jedem Fall auch bei heutigen Energiesparlampen und Neonröhren), ist eine grössere Einsparung durchaus möglich.

Wer ist dieser Herr Tsau? Das Internet gibt keine Auskunft, ausser dass er bei Sandia arbeitet. Mein Computer kann zu "www.sandia.gov" keine Verbindung herstellen. Nur Wikipedia gibt eine dürftige Auskunft und zeigt das neuste Foto von 1951 und die Beschreibung: „Die Hauptaufgabe besteht im Entwickeln, Herstellen und Testen der nicht-nuklearen Komponenten von Nuklearwaffen.“

Nuklear? Atom? Wer hat Freude an mehr Strom?

Quellen

(1) www.eup4light.net/assets/pdffiles/Final_part1_2/EuP_Domestic_Part1en2_V11.pdf

(2) http://www.gluehbirne.ist.org/co2-bilanz.php und andere

(3) http://www.empa.ch/plugin/template/empa/355/101048/---/EmpaNews-31-2010_de_Energiesparlampe.pdf mit Grafik

(4) http://www.ecotopten.de/download/EcoTopTen_Kriterien_Lampen.pdf Seite 2 und http://www.eup4light.net/assets/pdffiles/Final_part1_2/EuP_Domestic_Part1en2_V11.pdf Seite 147 und http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/downloads/strom_quellen.pdf und andere

(5) http://www.vdi-z.de/libary/common/umwelt/Beitrag%20Hg%20Endfassung.pdf Seite 5

(6) http://www.toxcenter.de/artikel/EU-Quecksilberstrategie.php

(7) 2003 über 6'000 Stunden: www.topten.ch/uploads/images/download-files/Sparlampen_Schlussbericht.pdf

2007 über 3'000 Stunden: http://www.toplicht.ch/cert/uploads/documentation/Sparlampen_07.pdf 



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