PODIUMSGESPRÄCH

Basler Zeitungen – die Alternativen
100 Tage TagesWoche, 150 Tage Basler Sonntag, 20 Tage bz Basel

7. Februar, 20.00 Uhr
Bernoullianum der Uni Basel

Lesung mit Chantal Le Moign und Michael Neuenschwander;

Input von Rahel Walser (Medienwissenschaftlerin);

Podiumsgespräch mit Inputs von Kurt Imhof (Publizistikwissenschaftler) und Ueli Mäder (Soziologe);

Diskussion mit Urs Buess (Co-Redaktionsleiter TagesWoche), Thomas Dähler (Chefredaktor bz Basellandschaftliche Zeitung) und Christian Mensch (Der Sonntag, Leiter des Regionalbunds BS/BL);

Moderation: Rettet-Basel!


Medienberichte, Redetexte, Tonausschnitte

Tonausschnitte aus der Veranstaltung

1) Rezitation aus Markus Somms gesammelten Werken (20:30)   arrow 1 spielen

2) Bernhard Bonjour: «Somm-Texte kann man für sich sprechen lassen» (7:30)   arrow 2 spielen

3) Guy Krneta I ha mi scho lang gfragt... («Epilog», 1:30)  arrow 3 spielen

[Weitere Tonausschnitte folgen]
 


Medienberichte

© Basellandschaftliche Zeitung / MLZ; Region; 09.02.2012; Seite 22

«TagesWoche» und bz im Vergleich

Kaum einem Journalisten ist es normalerweise vergönnt, derart viel Aufmerksamkeit zu erhalten: Über 20 Minuten dauerte die Lesung der ausgesuchten Texte von Markus Somm. Der Chefredaktor der «Basler Zeitung» war zwar an der Podiumsveranstaltung von «Rettet Basel» nicht anwesend, doch seine Artikel wurden von drei Akteuren fast schon religiös zelebriert. Abgehandelt wurde etwa seine Kriegshetzerei gegen den Iran sowie die wortgewaltige Abrechnung mit Micheline Calmy-Rey.

Die Zuhörer senkten bedächtig ihre Köpfe, verdrehten zwischendurch die Augen oder murmelten missbilligende Kommentare. Die rund 250 Sympathisanten von «Rettet Basel» waren als Zuhörer im Bernoullianum unter sich.

Lob und Kritik für «Tageswoche»

Danach war Somm kein Thema mehr; es ging am Podium dann um die Alternativen zur BaZ in der Region. Der Publizistikwissenschaftler Kurt Imhof nannte die Wirtschaftsberichterstattung der «Tageswoche» als deren grössten Schwachpunkt, und auch das Internationale käme entschieden zu kurz. Lobend erwähnte er die Leserkommentare im Onlineteil: Die Redaktion habe es geschafft, die Trollpostings in den Hintergrund und die gehaltvollen Beiträge in den Vordergrund zu rücken.

Generell klaffe aber die Online- und die Printausgabe der «Tageswoche» thematisch zu stark auseinander. Sein Tipp: «Führt Online eine Bezahlschranke ein, ihr werden die Mittel brauchen», sagte Imhof. Urs Buess von der «Tageswoche» meinte dazu, man wolle keine hohen Eintrittshürden schaffen und bei den kostenpflichtigen Online-Angeboten nicht vorpreschen.

«Genug Provinzialität»

Imhof betonte auch, die «Tageswoche» sei bei Analysen und Kommentaren der absolute Rekordhalter: Nur rund 20 Prozent der Beiträge seien der episodischen Berichterstattung zuzuordnen, 80 Prozent hätten Einordnungscharakter. «Damit schlägt die Tageswoche jede Sonntagszeitung und auch die ‹Weltwoche› bei weitem», kommentierte er lachend. Dennoch sei der Fokus auf das Regionale problematisch: «Wenn es an etwas in der Schweiz nicht mangelt, dann an Provinzialität.»

Der Soziologe Ueli Mäder lobte schliesslich die bz Basel, wünschte sich aber «mehr Mut zur ausführlichen Berichterstattung» sowie mehr Humor. «Es gibt mehr Möglichkeiten, aufklärerisch zu wirken ohne missionarisch zu sein», meinte Mäder.

Den Schlusspunkt des Abends setzte Guy Krneta von «Rettet Basel» mit einer satirischen Note: Er wollte die Zeitung abbestellen, die Blocher als Besitzer derart viel Platz einräumt, nur um festzustellen, dass die Konkurrenzzeitung demselben Politiker genauso viel Platz einräumt, obwohl sie ihm nicht gehört. Die Lacher im Publikum hatte er damit auf seiner Seite. (rud)


Redetexte

BERNHARD BONJOUR

Somm-Texte kann man für sich sprechen lassen

In den letzten Wochen hält sich Herr Somm aber auffällig zurück. Vorübergehend gibt es keine provokanten Leitartikel mehr. Und wenn Herr Somm die Abschaffung des Asylrechts fordert, so doch nur verklausuliert und unter humanitärem Deckmäntelchen und selbstverständlich ohne das Kind beim Namen zu nennen. Vielleicht hat der neue Verantwortliche für die Sanierung der BaZ-ein freundliches Wort zugunsten von uns Leserinnen und Lesern eingelegt, vielleicht auch einfach die Notbremse gezogen, weil er dem Rückgang der Abonnemente nicht länger tatenlos zusehen mochte.

Wir vermuten aber, dass die Kreide nicht lange anhalten wird. Bei der nächstbesten Gelegenheit, d.h. wenn es die politischen Motive des Mentors und Financiers im Hintergrund als nützlich erscheinen lassen, wird Herr Somm die BaZ wieder als Kampagneinstrument einsetzen, wie er es bei den Bundesratswahlen getan hat und bei der Hatz auf die Nationalbank, wo dem Bluthund „Weltwoche“ noch die BaZ als Wadenbeisser hinterhergeschickt wurde.

Denn den Financier im Hintergrund gibt es weiterhin. Einer der grössten Aktionäre der übergeordneten „MeinungsVielfalt Holding“ hat uns gegenüber bestätigt, dass er sein Kapital völlig risikolos investiert hat, da Christoph Blocher, anders als von Herrn Tettamanti dargestellt, nicht nur die Risiken des industriellen Bereichs abdecke, sondern alle allfällig entstehenden Verluste, auch die verlegerischen. (Nachzulesen ist das entsprechende Interview auf der Internet-Seite von RettetBasel!). Es ist nun also klar, woher die Gelder kommen, beispielsweise für die Gratisverteilung der Sonntags-BaZ in der ganzen Region während mehreren Monaten.

Gratis wird diese umfassende Risikoabdeckung nicht gewährt werden. Es ist eine blosse Vermutung, aber nichts spricht dagegen, dass Christoph Blocher sich gleich wie bei der Konstruktion mit Moritz Suter auch bei der neuen Trägerschaft ein Recht gesichert hat, jederzeit die Stimmrechtsmehrheit an der Aktiengesellschaft zurückfordern zu können, wenn die Zeitung seiner Kontrolle entgleitet. Das könnte die Erklärung dafür sein, weshalb Herr Tettamanti mit knapp 19 Prozent Aktienanteil über 50 Prozent der Stimmrechte hält. Und die Erklärung dafür, dass Markus Somm trotz seiner mangelnden Anerkennung in der Leserschaft Chefredaktor bleibt. Weder gelang es dem früheren Verleger Wagner, die Berufung Somms zu verhindern, noch gelang es Sutter, Somm loszuwerden. Die neue Konstruktion der Besitzverhältnisse wird ähnliche Verhinderungsmechanismen umfassen. Sie wurden in der früheren Etappe geheimgehalten und werden auch heute nicht offengelegt.

Wir haben ein anderes Verständnis von der Aufgabe der Medien, als sich in den Dienst zu stellen für politische Langzeitstrategien.

Demokratie ohne unabhängige Medien kann keine echte Demokratie sein. Der Bürger kann seine Aufgabe der demokratischen Mitentscheidung nur übernehmen, wenn er informiert ist und wenn vorgängig zu Entscheiden eine Debatte, ein Austausch und Abwägen der Argumente stattfindet. Medien haben die Aufgabe, zu informieren und die demokratische Debat^te zu organisieren und darzustellen.
Journalismus, wie wir in verstehen und einfordern,

  • heisst hinschauen, was wirklich ist,
  • heisst Widersprüchlichkeiten zur Kenntnis nehmen,
  • versteckte Interessen aufspüren,
  • keine wesentlichen Aspekte unterschlagen, auch wenn sie der eigenen Argumentation zuwiderlaufen,
  • widersprüchliche Argumente gegeneinander abwägen,
  • und wenn kommentiert wird, urteilen aufgrund von transparent gemachten Werten.

Als Leserinnen und Leser verlangen wir vom Journalismus also

  • Unabhängigkeit,
  • Wahrhaftigkeit,
  • Glaubwürdigkeit,
  • Transparenz und
  • Selbstkritik.

Und dann gibt es auch durchaus inhaltliche Anforderungen, über die wir uns hier in diesem Saal, so meine ich, einig sind: Wir wollen in dem, was wir in der Zeitung lesen, nicht hinter den Grundkonsens zurückfallen, der in unserer Gesellschaft nach langen geschichtlichen Auseinandersetzungen erreicht wurde, also:

  • Respekt gegenüber Mitmenschen,
  • Wahrung der Menschenwürde,
  • keine Diskriminierung von Minderheiten,
  • Anspruch aller Menschen auf ein menschenwürdiges Leben,
  • Abbau von Herrschaft,
  • Menschenrechte inklusive Sozialrechte,
  • Gewaltfreiheit in den innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen,
  • Frieden im Verhältnis zwischen den Staaten.

Das ist nicht die Forderung nach einem linken Journalismus da dürfen ruhig unterschiedlichste Ideen und Meinungen vertreten sein -, sondern nach einem anständigen.

Was wir von Herrn Somm erhalten, ist das Gegenteil dessen, was wir eben als Ansprüche formuliert haben:

  • Ideologische Einseitigkeit,
  • Vergöttlichung des freien Marktes,
  • Zynismus gegenüber Benachteiligten und
  • Kriegstreiberei.

Debatte müsste etwas anderes sein, als aus immer der gleichen ideologischen Ecke provokative Behauptungen aufzustellen, ohne sie zu hinterfragen. Echte Debatten erfordern es, auf die Gegenargumente einzugehen, und sie brauchen das Bewusstsein, dass der Debattiergegner möglicherweise auch einmal die besseren Argumente zur Verfügung hat.
Herrn Somm geht es nicht wirklich um die Debatte. Statt dessen reiht er sich ein in die Schlachtreihen der internationalen Rechten, die seit Kurzem auch bei uns nach den US-amerikanischen „libertarians“ benannt wird: die sogenannte „libertäre Rechte“. Diese von Herrn Somm beanspruchte „Avantgarde, die rechts steht“ hat als Ziel, den Staat auf allen Ebenen einzuschränken. „Freiheit“ wird einseitig so definiert, dass staatliche Kontrolle wegfallen müsse und die Ausgleichsfunktion des Staates verunmöglicht wird. Bekämpft wird die Zusammenarbeit von Staaten in übergeordneten Institutionen, bekämpft wird die Erkenntnis, dass ökologische Massnahmen nötig sind, um die ungehemmte Ausbeutung unserer Mitwelt einzudämmen, bekämpft wird ja ohnehin die Idee der sozialen Gerechtigkeit.

Für Sie engagierte Zeitungs-Leserinnen und Leser stellen wir heute Abend die Frage, ob es denn in unserer Region andere Medien gibt, die eher unseren Ansprüchen an Journalismus genügen.